Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft  

Geschichtlicher Rückblick
  
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Inhalt   1. Institutsgründung   2. Der Erste Weltkrieg   3. Die Jahre 1919-1933   4. Machtübernahme der Nationalsozialisten und Zweiter Weltkrieg  
5. Erste Nachkriegsjahre   6. Eingliederung in die Max-Planck-Gesellschaft   7. Entwicklung zu einem Zentrum der Grenzflächenforschung     

4. Machtübernahme der Nationalsozialisten und Zweiter Weltkrieg

Kein anderes Institut der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hat unter der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten so sehr gelitten wie dieses. Fritz Haber erklärte am 30. April 1933 in einem Brief an den preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung seinen Rücktritt vom Amt des Institutsdirektors und bat um Versetzung in den Ruhestand zum 1. Oktober 1933, als von ihm verlangt wurde, alle aufgrund der Rassendoktrin unerwünschten Mitarbeiter zu entlassen. Seine eigene Entlassung war zwar von den neuen Machthabern noch nicht gefordert worden, er war aber nicht bereit, sich von dieser Regierung tolerieren zu lassen. Die Abteilungsleiter Freundlich und Polanyi schlossen sich diesem Schritt an und verließen Deutschland. Dieser Abschied vom Institut traf Fritz Haber schwer. Da er seit längerer Zeit an Angina Pectoris litt, hatte er sich schon Gedanken über seine Nachfolge gemacht und dabei vor allem an James Franck gedacht. Nun sah er sein Lebenswerk zerstört, und es bleib ihm nur der Weg ins Exil. Er wanderte im Herbst 1933 nach England aus und starb am 29. Januar 1934 in Basel, knapp zwei Monate nach der Vollendung seines 65. Lebensjahres, auf dem Wege zu einem Besuch des kurz zuvor gegründeten Daniel-Sieff-Forschungsinstituts in Rehovot/Palästina, dem späteren Weizmann-Institut.

Nach Annahme von Habers Rücktrittsgesuch im Juni führte zunächst Otto Hahn auf Wunsch von Haber und auf Veranlassung von Max Planck als Präsident der KWG die Institutsgeschäfte weiter. Aber nicht nur ohne Mitwirkung der Gesellschaft, sondern sogar gegen ihre, den zuständigen Ministerien mitgeteilten Bedenken, setzte die Preußische Regierung ab Oktober 1933 Gerhart Jander, bis dahin a.o. Professor für anorganische Chemie in Göttingen, als kommissarischen Leiter ein. Diese rechtlich kaum haltbare "Zwischenlösung" wurde von der Gesellschaft nur in der "bestimmten Erwartung" hingenommen, "daß die endgültige Wiederbesetzung der Direktorenstelle im Einvernehmen mit der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft erfolgen" werde.

Jander kündigte allen Wissenschaftlern, und die zuvor im Institut vertretenen Arbeitsrichtungen wurden abrupt aufgegeben. Während im Jahrbuch des Instituts 1933 noch 68 Arbeiten von 45 Autoren aus dem Jahre 1932 aufgeführt werden, sind es 1934 nur noch acht Arbeiten von sechs Autoren, alle zum Thema der anorganisch-chemischen Analyse. Unter den Autoren findet sich kein Name mehr aus der Zeit vor 1933.

Da die Ernennung von Jander im Zusammenwirken vom preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung mit dem Reichswehrministerium nur kommissarisch erfolgt war, schlug Max Planck andere Wissenschaftler dem Ministerium für die Nachfolge Habers vor und nannte dabei Karl Friedrich Bonhoeffer, Arnold Eucken oder Max Volmer als geeignete Kandidaten, allerdings ohne Erfolg. Schließlich erschien jedoch auch dem Reichswehrministerium, das auf dieses Institut großen Einfluß nahm, Jander nicht mehr die geeignete Person für die dem Institut zugedachten Aufgaben zu sein. Man einigte sich zwischen den Ministerien auf die Ernennung von Peter Adolf Thiessen zum Direktor, den Jander bereits als Abteilungsleiter am Institut angestellt hatte und der dank seiner Parteizugehörigkeit auch bei den politischen Instanzen volles Vertrauen genoß.

Dem Senat der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft blieb keine andere Wahl, als dieser Ernennung zuzustimmen. Thiessen richtete weitere Abteilungen ein und nahm die wissenschaftliche Arbeit in einem breiten Spektrum der Chemie allmählich wieder auf. Dabei mußten zwar der Regierung genehme Aufgaben von technisch-wirtschaftlicher Bedeutung im Vordergrund stehen, er verstand es aber, auch einen erheblichen Freiraum für Grundlagenforschung offen zu halten. P.A. Thiessen selbst leitete eine Abteilung für Kolloidchemie. Eine neue Abteilung für Physikalische Chemie wurde von Ernst Jenckel aufgebaut, in der die Eigenschaften von Gläsern und Hochpolymeren erforscht wurden. Es gab weiter eine Abteilung für Anorganische Chemie unter August Winkel, eine Abteilung für Organische Chemie unter Arthur Lüttringhaus, eine Abteilung für Feinstruktur-Forschung unter Otto Kratky und später eine Arbeitsgruppe für Makromolekulare Chemie unter Kurt Ueberreiter. Bernhard Baule und Kurt Moliere wurden als mathematische bzw. theoretische Physiker im Institut tätig.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde das Institut ein zweites Mal ganz auf kriegswichtige Aufgaben umgestellt; trotzdem konnten immer noch einige grundlegende Fragen weiter bearbeitet werden. Erwähnt seien Kurt Moliere mit theoretischen Arbeiten über Röntgenstrahlinterferenzen und Elektronenbeugung sowie Otto Kratky, der die Röntgenkleinwinkelstreuung entwickelte. Mitten im Krieg, im Jahre 1944, wurde Iwan N. Stranski, bis 1941 Professor für Physikalische Chemie in Sofia, danach an der Technischen Hochschule in Breslau tätig, zum Wissenschaftlichen Mitglied des Instituts berufen und nahm Arbeiten über Kristallwachstum und Phasenbildung auf.

Gegen Ende des Krieges wurden ein Teil der Apparaturen und Werkstattausrüstungen sowie die Bibliothek verlagert. Letztere bildete dann in Göttingen den Grundstock für die Otto-Hahn-Bibliothek, die sich jetzt im MPI für biophysikalische Chemie befindet. Die Gebäude blieben aber von Bombenschäden weitgehend verschont. Nur das markante, spitze Dach des Hauptgebäudes fiel Brandbomben zum Opfer. Nach der Besetzung Berlins durch die sowjetischen Truppen wurde jedoch die verbliebene Einrichtung des Instituts vor dem Einzug der Amerikaner in ihren Sektor Berlins, in dem das Institut lag, nach Rußland gebracht. Von den Wissenschaftlern waren nur Iwan N. Stranski, Kurt Moliere und Kurt Ueberreiter in Berlin geblieben, deren mutigem Eintreten für die Erhaltung des Instituts in dieser chaotischen Zeit viel zu verdanken ist. P.A. Thiessen ging in die Sowjetunion. (Er kehrte Mitte der 50er Jahre, mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet, in die DDR zurück und wurde dort als Akademiemitglied Vorsitzender des Forschungsrates.)

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Thu, 9. Feb 2012
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