FHI Centenary Group
Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft
Centennial Project
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Projektbeschreibung

Das Direktorium des Fritz-Haber-Instituts (FHI) der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) hat beschlossen, als Teil der 2011 stattfindenden Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des FHI, eine Untersuchung und Darstellung der Geschichte des Instituts anzuregen. Das Projekt umfasst die Ereignisse, die 1911 zur Gründung des Instituts als Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) führten bis hin zu den jüngsten Veränderungen an der Wende zum 21. Jahrhundert. Hauptzweck des Projekts ist eine diesem Gründungsinstitut der MPG gewidmete Studie, anhand der Wissenschaftshistoriker am konkreten Einzelfall auch längerfristige Veränderungen untersuchen können, welche das Verhältnis zwischen dem Forschungsinstitut, der sich enorm ausdehnenden naturwissenschaftlichen Arbeitsgebiete und der gerade in Berlin turbulent und facettenreich verlaufenden politischen Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts prägten.

Historiker und Sozialwissenschaftler haben bereits eine Reihe von Studien über die Generalverwaltung der Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Gesellschaft publiziert, den einzelnen Forschungsinstituten selbst aber keine vergleichbare Aufmerksamkeit geschenkt. [1] So gibt es im Fall des FHI zwar bereits zwei Versuche, die gesamte Geschichte des Instituts darzustellen, beide sind aber sehr knapp gehalten und erheben nicht den Anspruch einer nach spezifisch historiografischen Kriterien durchgeführten Untersuchung. [2] Einige Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Institute und besonders das FHI spielen eine wichtige Rolle in umfassenderen historiografischen Arbeiten, doch in diesen ist das FHI ein Nebenaspekt biografischer Darstellungen großer Naturwissenschaftler wie Fritz Haber, [3] oder Teil von Studien des schnellen Wandels in der Geschichte der Wissenschaftsförderung, wie z.B. die Gründung der ersten Kaiser-Wilhelm-Institute vor dem Hintergrund der übersteigerten, konkurrierenden Nationalismen im frühen Zwanzigsten Jahrhundert [4] und die damit verbundenen Beiträge der Kaiser-Wilhelm-Institute zu den Kriegsanstrengungen in beiden Weltkriegen. [5] Obwohl diese Studien einzelne Aspekte mit besonderer Sorgfalt behandeln, hindert sie ihre spezifische Zielsetzung daran, einige der interessantesten Fragen der FHI-Geschichte in den Blick zu nehmen: die Langlebigkeit, die Identität, aber auch die Vielfältigkeit des Instituts und seine, trotz aller Brüche, kontinuierliche Entwicklung im Kontext schneller, tief greifender Veränderungen sowohl im Wissensbestand der Fachbereiche, zu denen es selbst erheblich beitrug, als auch in den politischen und wissenschaftlichen Systemen, durch die es am Leben erhalten wurde.

Die eben genannten Themen sind im Zusammenhang mit dem FHI besonders interessant, weil es sich selbst für ein Kaiser-Wilhelm/Max-Planck-Institut als ausgesprochen langlebig erwiesen und im Verlauf seiner hundertjährigen Geschichte aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedenen Kontexten immer wieder große Bekanntheit erlangt hat. Es trat zunächst unter der Leitung von Fritz Haber als Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie ins Rampenlicht, eines der ersten beiden KWG-Institute. Dabei war es gleichzeitig Inbegriff des preußischen “Systems Althoff” und heiß ersehntes Stärkungsmittel für die insbesondere von prominenten Chemikern beklagte, zusammenschmelzende naturwissenschaftliche und technische Überlegenheit des Deutschen Reiches gegenüber den USA und den europäischen Großmächten. Fritz Haber und seine Mitarbeiter sicherten dem gerade erst aus der Taufe gehobenen Institut im Verlauf des Ersten Weltkrieges einen legendären, aber höchst umstrittenen Ruf, indem sie es zum größten deutschen Zentrum für die Kriegsforschung ausbauten. Nach dem Krieg, in Zeiten wirtschaftlicher Not, gelang es dem Institut durch vielfältige internationale Kooperationen und die Ergebnisse einiger im Bereich der Quantenphysik und der Reaktionsdynamik prominenter und prominent werdender Wissenschaftler ein positiveres Image aufzubauen. Zu den herausragenden Wissenschaftlern zählen Michael Polanyi, Karl Friedrich Bonhoeffer, sowie die Nobelpreisträger James Franck und Eugene Wigner. Auch wenn die Machtübergabe an die Nazis die meisten der internationalen Verbindungen des Instituts kappte, behielt das Institut zunächst weiterhin das mühsam errungene, wissenschaftliche Prestige. Wegen des hohen Anteils jüdischer Institutsmitglieder und wegen des jüdischen Direktors wurde Fritz Habers Institut allerdings Zielscheibe der rassistischen NSDAP-Politik, die an ihm ein Exempel für die “Reform” der deutschen Forschungsinstitutionen statuieren wollte. Nachdem wissenschaftliche Belegschaft und Forschungsprogramme fast vollständig ausgewechselt waren, wurde es nun nicht mehr als internationales Forschungszentrum, sondern als “nationalsozialistisches Musterinstitut” gefeiert. In den frühen Nachkriegsjahren, als durch den hohen Einsatz der Institutsmitarbeiter die Zerstörungen und Verluste durch den Krieg und die alliierte Besetzung weitgehend kompensiert werden konnten, brachte Ernst Ruska mit seiner im nun geteilten und politisch bedrohten Berlin fortgesetzten Forschung über Elektronenmikroskope auch einen Teil des früheren internationalen Ansehens zurück. In jüngerer Vergangenheit verhalfen Wissenschaftler wie der Nobelpreisträger Gerhard Ertl dem FHI wieder zu einer internationalen Spitzenstellung, nun als Forschungszentrum für heterogene Katalyse und die Chemie und Physik von Oberflächen.

Schon dieser grobe Abriss der Hochs und Tiefs in der FHI-Geschichte macht nicht nur die Bedeutung der Fragen nach der Langlebigkeit, den Identitäten und den Kontinuitäten des Instituts deutlich, die das historiografische Projekt anlässlich der Hundertjahrfeier untersuchen soll, sondern zeigt auch die besondere Bedeutung dieses Instituts in der Geschichte der modernen Naturwissenschaften insgesamt. Das Jubiläumsprojekt beinhaltet drei Teilbereiche, welche diese speziellen Fragen behandeln, aber auch mehr wissenschaftshistorisches Interesse auf das FHI lenken sollen. Primär wird ein handlicher, aber den ganzen Zeitraum umfassender Band zur Geschichte des Instituts erarbeitet. Dieser historiographische Überblick wird in einer englischen und einer deutschsprachigen Version publiziert. Er soll in allgemein verständlicher Form grundlegende Ereignisse und Entwicklungen aus der Institutsgeschichte aufgreifen und anhand der mehrfach erwähnten Aspekte Langlebigkeit, Identität und Kontinuität interpretieren. Dabei möchte er einerseits die Diskussion über das FHI im wissenschafthistorischen Kontext anregen, andererseits das historische Bewusstsein der am Institut selbst beschäftigten Wissenschaftler schärfen. Zweitens soll im Zuge des Jubiläumsprojekts durch Artikel und Vorträge der beiden Postdoc-Mitarbeiter Jeremiah James und Thomas Steinhauser zu spezifischeren Aspekten der Institutsgeschichte die wissenschaftshistorische Fachgemeinschaft gezielt auf die historische Bedeutung des Instituts aufmerksam gemacht werden. Drittens werden im Rahmen des Projekts Seminare zu den Schlüsselfiguren und -themen der FHI-Geschichte organisiert. Diese sollen einerseits die Arbeiten zum historiografischen Überblicksband unterstützen und ergänzen, andererseits eine Plattform für die Zusammenarbeit zwischen Historikern bieten, die sich für einzelne Aspekte der FHI-Geschichte interessieren.


[1] B. vom Brocke, “Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute zwischen Universität und Akademie. Strukturprobleme und Historiographie”, in: Die Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft und ihre Institute. Vom Brocke and Laitko (eds.) (Berlin: de Gruyter, 1996).
[2] G. Chmiel, U. Hansmann, H.-J. Krauß, B. Lehmann, H. Mehrtens, W. Ranke, B. Smandek, N. Sorg, M. Swoboda, E. Wurzenrainer, "...im Frieden der Menschheit, im Kriege dem Vaterlande...", 75 Jahre Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft. Bemerkungen zur Geschichte und Gegenwart (Berlin: Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport and Verkehr, ÖTV, 1986);
A. Bradshaw, G. Ertl, H.-J. Freund, M. Scheffler and R. Schlögl, eds., Fritz Haber Institute of the Max Planck Society Berlin (Rosenheim: Format-Druck GmbH & Co. , 1999).
[3] M. Szöllösi-Janze, Fritz Haber 1868-1934: Eine Biographie (Munich: Verlag C. H. Beck, 1998);
D. Stoltzenberg, Fritz Haber: Chemiker, Nobelpreisträgern, Deutscher, Jude (Berlin: Wiley VCH, 1998).
[4] J. A. Johnson, The Kaiser's Chemists: science and modernization in imperial Germany (Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1990);
G. Wendel, Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1911-1914. Zur Anatomie einer imperialistischen Forschungsgesellschaft (Berlin: 1975).
[5] Für das KWI für Physikalische Chemie und Elektrochemie vgl. z.B.: L. F. Haber, The Poisonous Cloud: Chemical Warfare in the First World War (Oxford: Clarendon Press, 1986);
F. Schmaltz, Kampfstoff-Forschung im Nationalsozialismus (Göttingen: Wallstein Verlag, 2005).

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